Mittwoch, 27. Juli 2011

Haruki Murakami - Naokos Lächeln

erschienen 2001 bei Dumont (erstmals 1987)
428 Seiten
ISBN 3-7701-5609-9


HIER geht es zur Rezension der gleichnamigen Verfilmung.

"Fändest du es nicht klasse, alles hinter dir abzubrechen und irgendwohin zu gehen, wo dich keiner kennt? Manchmal würde ich das unheimlich gern machen."


"Naokos Lächeln" ist "Nur eine Liebesgeschichte", wie sie vielleicht nur Haruki Murakami schreiben kann. Voller  merkwürdiger Bekanntschaften, skurriler Charaktere, bei denen die "normalen" oft genug verrückter wirken als die "verrückten", voller Zartheit und Gefühl, geschrieben in einer sehr dichten Sprache, die sich sofort einprägt und flüssig lesen lässt.

Der junge Toru bricht alle Zelte hinter sich ab und verlässt seinen Heimatort um in Tokyo zu studieren, was, ist ihm eigentlich egal. Doch dann trifft er überraschend auf Naoko, die ehemalige Freundin seines besten Freundes, der kurz zuvor Selbstmord beging. Hier beginnt die Geschichte eigentlich erst. Naoko hat sich verändert und auf den oft wortlosen Sonntagsspaziergängen, die die beiden nun regelmäßig miteinander unternehmen, fühlt Toru sich zu der rätselhaften jungen Frau immer mehr hingezogen.
Doch was einfach und auch etwas kitschig klingt, ist in Wahrheit viel komplexer als man zunächst vielleicht vermuten möchte.
"Naokos Lächeln" ist bevölkert von Charakteren, die vor Macken und Eigenwilligkeiten nur so strotzen.
Egal ob Naoko, die manchmal unnahbar wirkt und dem Leser auf der nächsten Seite wieder so vertraut vorkommt, als würde man sie schon ein ganzes Leben kennen, die unglaublich verletzlich scheint und selbst auch verletzt oder Midori, die das genaue Gegenteil von Naoko zu sein scheint. Frech, voller Leben, unbefangen den Moment lebend und auch Charaktere wie Nagasawa, die so unerträglich unsympathisch sind, dass man ihnen gerne mal die Meinung sagen würde.
Und inmitten all dieser skurrilen Figuren steht Toru, der oft eher für sich bleibt und manchmal eine beunruhigende Gleichgültigkeit an den Tag legt, der voller Liebe und Schmerz ist und gefangen zwischen zwei Frauen, die er beide liebt und nicht verletzen will.

Aus der Sicht Torus erzählte teilweise sehr nachdenklich melancholische Passagen wechseln sich mit sehr lebendigen Dialogszenen zwischen Toru und beispielsweise Midori und Nagasawa ab und schaffen so eine sehr abwechslungsreiche Atmosphäre.
Murakami hat einen unverwechselbaren Stil. Wo andere Autoren schwafelnd alle Register auspacken bleibt er oberflächlich und etwas distanziert, was andere als unwichtig abtun, nimmt er genaustens unter die Lupe, geht bei alltäglichen unscheinbar wirkenden Dingen ins Detail und entlockt ihnen so eine ganz eigene Magie.
Ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe!

4 Kommentare:

  1. Auch sehr gut beschrieben! Manchmal habe ich mich über Torus Verhalten ja schon gewundert.....
    Aber hattest du auch das Gefühl, dass Murakami ein Frauenversteher ist?

    liebe Grüße,
    Cara

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  2. Zumindest hat er wirklich ein Händchen dafür, die komplett unterschiedlichsten Frauencharaktere realistisch zu beschreiben und man hätte sich wirklich in jede von ihnen verlieben können!

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  3. Ich bin ja seit "Gefährliche Geliebte" von Murakamis Schreibstil angetan. Er ist so anders und völlig neu. Anfangs fand ich ihn speziell und hab mir schwer getan, allen seinen Gedankengängen zu folgen. Ich bin mir heute noch sicher, dass sie zum Teil so komplex sind, dass man sich ihnen völlig hingeben muss, um sie zu verstehen und ich nicht alles verstehen konnte. Ich kam mir fast wie ein kleines Kind vor, dass erst noch lernen muss, zu lesen und denken. Doch mit der Zeit hab ich mich eingepegelt und konnte gar nicht mehr genug von ihm kriegen. Irgendwie unheimlich. Ja, er hat schon ein feinfühliges Händchen für die Frauen...

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  4. Oh ja, geht mir auch so. Ich bin mittlerweile auch schon zum Murakami-Fan geworden, obwohl ich erst ganz wenig von ihm gelesen habe... "Gefährliche Geliebte" kenne ich noch nicht.
    Ja, es ist wirklich nicht ganz einfach herauszubekommen, von was er jetzt eigentlich schreibt. Ich lese gerade "Hard-boiled Underland und das Ende der Welt" und auch wenn es mir (wieder^^) total gut gefällt, könnte ich auf Anhieb nicht wirklich sagen, worum es denn jetzt eigentlich geht...
    Hach, einfach ein toller Schriftsteller. Ich bin richtig froh, dass ich ihn erst jetzt "entdeckt" habe und somit noch viel Lesestoff von ihm vor mir habe :D
    Lg :o)

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