Mittwoch, 22. Februar 2012

2 Literaturverfilmungen - Das Phantom der Oper

HIER geht es zur Rezension von Gaston Leroux' "Le Fantôme de l'Opéra"

USA, 2004
Regie: Joel Schumacher
Drehbuch: Andrew Lloyd Webber, Joel Schumacher
Produktion: Andrew Lloyd Webber
Musik: Andrew Lloyd Webber
Kamera: John Mathieson
Schnitt: Terry Rawlings
Besetzung: Gerard Butler (als das Phantom), Emmy Rossum (Christine Daaé), Patrick Wilson (Raoul), Minnie Driver (Carlotta), Miranda Richardson (Madame Giry), Simon Callow (André), Ciarán Hinds (Firmin), u.a.


Da ich gerade die Buchvorlage von Gaston Leroux ausgelesen hatte, wollte ich nun endlich mal auch dieses wohlbekannte Musical sehen, welches mich vorher nie sonderlich interessiert hat.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass die literarische Vorlage doch sehr frei interpretiert wurde, was mich zwischendurch zwar störte, an anderen Stellen aber auch in Ordnung war, da die Handlung teilweise so stark verändert wurde, dass ein Vergleich eigentlich schon überflüssig war.

Im Gegensatz zum Buch, indem Raoul den größten Part innehat, steht hier vielmehr Christine Daaé im Vordergrund, was mich an sich nicht stören würde, allerdings wurden auch die Charaktere mitunter stark verändert. So ist der eigentlich schüchterne Raoul hier plötzlich ein selbstbewusster Schönling und Frauenschwarm und war mir persönlich auch um einiges unsympathischer als der Original-Raoul. Madame Giry übernimmt von Zeit zu Zeit die Rolle des Persers, der in diesem Film vollständig gestrichen wurde und den ich persönlich schmerzlich vermisste und auch Erik, das Phantom, die eigentlich Schlüsselfigur der Geschichte, die hier nicht einmal einen Namen bekommt war doch sehr anders als im Buch und konnte für mich auch nicht ganz an den starken Charakter der Vorlage heranreichen. Plötzlich interagiert das Phantom ganz direkt mit diesem oder jenem, wodurch es ein bisschen an Magie einbüßt, welches es für mich in der Vorlage innehatte, in der es eher indirekt aus dem Hintergrund handelte - eben ein richtiges Phantom.

Ansonsten ist es ein doch recht bildgewaltiger Film. Farbenprächtige Kostüme, volle und lebendige Massenszenen und -choreografien und die prunkvolle Kulisse des Opernhauses tragen zu einem opulenten Augenschmaus bei. Gebrochen wird diese Kulisse durch düstere und stimmungsvolle Aufnahmen aus den Eingeweiden der Oper.
Auch die Musik ist in diesem beinahe schon überladenen und prächtigen Stil gehalten, was zwar nicht jedermanns Geschmack ist, vor allem da es sich ja um ein reines Musical handelt, mir an einigen Stellen jedoch erstaunlich gut gefallen hat und in Harmonie mit der üppigen Ausstattung und Iszenierung stand. An anderen Stellen war mir die Musik dann allerdings auch etwas zu pompös.

Alles in allem ist es durchaus ein sehenswerter Film, der sich jedoch kaum noch mit dem fabelhaften Buch von Gaston Leroux vergleichen lässt. Ich muss auch sagen, dass mir die Vorlage im direkten Vergleich noch einen Tick besser gefallen hat, mich noch mehr fesseln konnte und auch um einiges tiefschichtiger war. Diese Tiefe, vor allem die des Charakters des Phantoms hätte man im Film noch um einiges ausbauen können.

In beinahe krassem Gegensatz dazu steht der Stummfilm von 1925.

USA, 1925 
Regie: Rupert Julian, Lon Chaney, Edward Sedgwick 
Drehbuch: Elliot J. Clawson, Raymond L. Schrock, Frank M. McCormack 
Produktion: Carl Laemmle 
Musik: Gustav Hinrichs 
Kamera: Milton Bridenbecker, Virgil Miller, Charles Van Enger Schnitt: Edward Curtiss, Maurice Pivar, Gilmore Walker 
Besetzung: Lon Chaney (als Erik, das Phantom), Mary Philbin (Christine Daaé), Norman Kerry (Raoul), Arthur Edmund Carewe (Ledoux), Gibson Gowland (Simon Buquet), John Sainpolis (Comte Philip de Chagny), Snitz Edwards (Florine Papillon), u.a.


Trotz des Charmes, den solch ein alter Schauerfilm nun mal versprüht, ist einiges in solchen Filmen doch recht gewöhnungsbedürftig und man braucht erst einmal eine Weile, bis man sich in die spezielle Art des Filmes hineingesehen hat. Im Gegensatz zur Musicalverfilmung hält sich der Stummfilm ziemlich genau an die Vorlage, was die Handlung angeht wurden nur einige Szenen verändert oder weggelassen. Dennoch können die Charaktere - wie auch schon im Film von 2004 - nicht mit denen des Buches mithalten.
Auch in dieser Verfilmung fehlt es mir persönlich an Tiefe - vor allem Erik, das Phantom, war zwar gut dargestellt (ich liebe seinen Auftritt als roter Tod), aber die Zwiegespaltenheit und das fast schon Sympathische, was ihn in der Buchvorlage ausmachten, wurden hier nicht deutlich.
Dafür wurde die mysteriöse Person des Persers nicht gestrichen, wodurch dieser Film schon wieder einen Pluspunkt bei mir einheimst, denn ich fand diesen interessanten Charakter auch recht gut dargestellt - wenn auch nicht so toll wie ich ihn im Buch empfand.

Bei solch alten schwarz-weißen Stummfilmen finde ich besonders die immer wieder skurrilen Einschnitte und kurzen Szenchen, die manchmal fast schon etwas comichaftes an sich haben - und die auch hier zu finden waren - sehr charmant. Ebenso die Mimik (und teilweise fast schon zu übertriebene Gestik) und insbesondere das ausdrucksstarke Augenspiel.
Ebenso haben mir kleine szenische Details, wie zum Beispiel die schönen Spiele mit Schattenbildern auf den Wänden, gut gefallen.

Massiv gestört hat mich an diesem Film allerdings die Musik. Alte Filme - und vor allem alte Stummfilme! - leben manchmal noch viel mehr von der Musik, als neuere Filme. Und die Musik in diesem Film passte in der Regel einfach überhaupt nicht zum Dargestellten. Hauptsächlich war es das gleiche Thema, das sich immer und immer wiederholte - eine fast schön fröhliche beschwingte Dudelmusik - ging gar nicht meines Erachtens nach! Die meiste Zeit empfand ich diese unpassende Musik eher als störend und gegen Ende hin, als sie selbst zum großen Showdown kaum wechselte, raubte sie mir sogar fast den letzten Nerv.

Dieser Film kommt zwar näher an die ursprüngliche Geschichte heran, allerdings weist auch er - gerade in den Charakteren - einige Mängel auf und reicht für mich ebenso wie das Musical nicht an das Buch heran, welches beiden Verfilmungen in Sachen Tiefe, Spannung und Originalität um einiges voraus ist.

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